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Stuttgart nach Zahlen

Marcella Müller begann mit einer analogen Kamera – einer Großformatkamera – zu fotografieren. Nachdem ihr bevorzugtes Filmmaterial nicht mehr produziert wurde, wechselte sie vor einigen Jahren zu digitalen Apparaten. Ihre Arbeitsweise hat Marcella Müller jedoch beibehalten. Sie begibt sich auf eine konzentriert ruhige Motivsuche in Stuttgart. Der Titel ihrer Arbeit Stuttgart nach Zahlen umreißt nur andeutungsweise was hier aufscheint. Nüchtern spricht sie von einer Auflistung der 152 Stuttgarter Stadtteile, die sie in jeweils einem Bild porträtiert. Zwanzig Motive hat sie uns hier präsentiert – im Lauf der nächsten Monate sollen weitere Aufnahmen folgen. Dabei interessiert sich die Fotografin nicht für das landläufig Sehenswerte, für die Denkmäler oder für den touristischen Blick. Marcella Müller findet die Nebenschauplätze. Sie überlässt den Betrachtern nach Zeichen zu suchen, die es ermöglichen die Bilder näher zu bestimmen. Ihre Bilder zeigen Orte, die von menschlicher Anwesenheit zeugen, die Menschen selbst sind jedoch nicht zu sehen (bis auf eine Ausnahme!). Sie verdichtet die Artefakte des Nebensächlichen. Es scheint als arbeite sie an einer Enzyklopädie der Alltagskultur für eine Zukunft der Erinnerung.
[aus der Eröffnungsrede von Bettina Michel]







Visibility

Visibility, das Sichtbare,  nennt Marcella Müller ihre Fotografien, die sie auf Reisen findet, nicht sucht. Mäandrierend auf immer kleineren Straßen durchfährt
sie die Peripherie Europas. Immer wieder kehrt sie in dieselbe Gegend zurück und führt akribisch Buch über ‚das Sichtbare’. Und mit der Genauigkeit einer
erfahrenen Landvermesserin, die das Ungewöhnliche einer räumlichen Konstellation unmittelbar erfasst, wählt sie ihre Motive aus.Namenlos bleiben die
menschenleeren Orte, sie könnten überall sein. Marcella Müller überlässt es dem Betrachter, nach Zeichen zu suchen, die ihm ermöglichen, sie näher zu bestimmen.

Visibility is the title of Marcella Müller’s photographs, which she discovers – but does not look for – during her travels. Meandering on ever decreasing roads she 
journeys into the periphery of Europe. She returns repeatedly to the same area and keeps a meticulous diary of the ‚visible’. Then with the precision of an experienced 
surveyor who instantaneously captures unusual spatial constellations she selects her images. The deserted places remain nameless; they can be anywhere. 
Marcella Müller leaves it to the viewers to look fort he signs, which could enable them to identify the locations.

Dr. Matthias Bullinger, Katalogtext (Auszüge) , erschienen anlässlich der Ausstellung ‚I see Europe’,  
Kunstbezirk Stuttgart, 2013





Nonnenort 

Eine Besonderheit im Werk von Marcella Müller ist die Fotoserie der „Nonnenort“. Es ist eine in sich abgeschlossene Folge, es gibt einen konkreten 
Ortsbezug – die topografische Verortung bleibt jedoch offen. Der historische Ort, den die Fotografin interpretiert, besteht aus einem Ensemble von 
wenigen Häusern und einer Kirche, alle Gebäude sind von einer alten Mauer umfasst. Der Titel verrät uns zumindest, dass es hier einmal Nonnen gab. 
Heute wirkt auch dieser Ort menschenleer – wie nahezu alle Orte, die Marcella Müller uns zeigt. Die Zeit scheint hier still zu stehen, die Gebäude wirken 
verlassen und abweisend. Die Mauer stellt eine klare Begrenzung dar. Oft ist der Betrachterstandort unklar. Befinden wir uns innerhalb oder außerhalb 
der Mauer? Nonnen sind jedenfalls keine mehr zu sehen. 

Dafür eine Türöffnung in einer Mauer ohne Tür, ein sich im Wuchs drehender Baum, aus Steinen gebaute Architektur, eine fensterlose Schuppenfront. 
Aber auch eine Rutsche und sogar Lebewesen: Hähne und Hennen. Und es muss auch Menschen geben, die die Tiere füttern und sie vor dem Fuchs bewahren.

Vielleicht sind diese geschützt genug durch die Mauer, die den ganzen Ort umgibt. Eine Mauer bedeutet Schutz, Abgrenzung und Verteidigung. Hinter der Mauer 
ist Ruhe und Sicherheit. Oder ist die Mauer wie die Mauer eines Gefängnisses, fühlst du dich dort eingesperrt, weit weg vom Rest der Welt?
In mehreren Bildern der Serie Nonnenort ist diese Mauer sichtbar, trotzdem ist deren Höhe schwer einzuschätzen. Ein Maßstab fehlt, etwa ein Mensch, daneben gestellt. 
Eine solche Verortung in unsere gewohnte Alltagswelt gewährt uns die Fotografin nicht. Auch dieser Ort bleibt unzugänglich, unbestimmt, nahezu ortlos-offen.

Auf einem der Bild finden sich vor einem kahlen Baum aufgetürmt, große, zersägte Baumstammstücke. Hier zeigen sich uns das Leben und der Tod direkt nebeneinander. 
Es ist ein brutales Bild, sagt die Fotografin. Die Metapher des Memento Mori findet sich oft im Werk von Marcella Müller. Sie ist eine Klammer, die jedes Leben umfasst, 
denn wir alle sind dem ewigen Kreislauf unterworfen, wir werden geboren, wir leben und dann sterben wir.

 Wie in jeder einzelnen ihrer Fotoarbeiten, geht es auch bei den Motiven des „Nonnenort“ nie um das, was sichtbar ist. Sondern immer um das, was unsichtbar bleibt 
hinter dem irreführenden Schleier unserer Wirklichkeit.

 Cristjane Schuessler, Stuttgart 2017